Montagabend 18.45 Uhr auf dem Parkplatz auf der Place d’Hôtel de Ville in Ettelbrück: Ein 63-Jähriger gerät in einen Streit mit einem anderen Mann. Es kommt zu einer Rangelei, plötzlich zieht der Unbekannte ein Messer – und sticht zu. Der 63-jährige Ettelbrücker stirbt noch vor Ort an seinen Verletzungen. Schon am Dienstagmorgen fasst die Polizei einen Verdächtigen, einen 27-Jährigen. Laut Staatsanwaltschaft wurde junge Mann bereits dem Haftrichter vorgeführt und in die Justizvollzugsanstalt Schrassig gebracht.
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Die Bluttat erschüttert die Stadt im Norden des Großherzogtums. Es ist das zweite Mal binnen nur weniger Tage, dass dort ein Mensch mit einem Messer auf offener Straße attackiert wird. Was ist los in Ettelbrück? Wird die 7500-Einwohner Stadt zum «Ettelbrooklyn», wie es in einem Kommentar auf der Facebook-Seite von L’essentiel heißt? «Das finde ich total übertrieben», sagt Jean-Paul Schaaf, Bürgermeister der Gemeinde. «Wenn man die offizielle Kriminalitätsstatistik betrachtet, ist Ettelbrück im Landesdurchschnitt.»
Große Sorgen in der Stadt
Dennoch: Die Bürger machen sich große Sorgen. Das erlebt Schaaf am eigenen Leib: «Allein heute Morgen im Zug bin ich drei Mal darauf angesprochen worden», sagt er. Es gäbe eine große Betroffenheit bei den Menschen. «Sie sind sehr erschüttert. Und ich auch.» Direkt hinter dem Rathaus passierte die Bluttat. Schaaf hat den Toten selbst gesehen. «Das Opfer lag auf dem Boden, Krankenwagen und Notarzt waren da. Da ist man gefühlsmäßig in einer ganz anderen Welt», sagt er.
In der Stadt selbst kocht derweil die Gerüchteküche. Stimmen behaupten, der Täter vom Place d’Hôtel de Ville sei ein Patient der offenen Psychiatrie. In Ettelbrück gibt es gleich zwei Einrichtungen, die Verwirrte und psychisch Kranke behandeln: Die psychiatrische Station des Centre Hospitalier du Nord (CHdN) in der Avenue Salentiny und das Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique (CHNP) in der Avenue des Alliés. Sechs Ärzte kümmern sich allein im CHdN um 41 Akutpatienten, 15 bis 20 Menschen, die die Tagesklinik besuchen und zwölf besonders schweren Fällen, die in einer geschlossenen Abteilung untergekommen sind. Im CHdN gibt es 160 Betten und ebenfalls eine Tagesklinik.
Grundsatzdiskussion über offene Therapie
Ob der vermeintliche Täter tatsächlich ein Patient der Kliniken ist, bestätigen weder CHNP noch CHdN. Dennoch – auch bis zu Bürgermeister Schaaf ist das Gerücht mittlerweile vorgedrungen. Hat er jetzt Angst um Ettelbrück? «Wenn das so ist, muss man sich die Frage stellen, wie man in Zeiten der offenen Psychiatrie mit den Menschen umgeht», sagt Schaaf. «Aber diese Frage muss ein Gericht beantworten.» Sollte tatsächlich ein geistig Verwirrter im Wahn einen anderen Menschen getötet haben, «müssen wir das System hinterfragen».
Für Schaaf sei es nicht eine Frage des Standorts – sondern der Therapie: «Wegen besserer Medikamente müssen weniger Menschen in einer geschlossenen Anstalt leben», sagt der Bürgermeister. Allerdings sei das auch die Crux an der «offenen» Therapie: Die Regelmäßigkeit, mit der ein Patient seine Pillen nehme, sei schwer kontrollierbar. Schaaf: «Und wenn ein Patient seine Medikamente nicht mehr nimmt, ist ein Rückfall programmiert.» Er selbst müsse jedes Jahr mehrmals verwirrte Menschen zurück in die Psychiatrie bringen.
Ein Arzt des CHNP warnt gegenüber L'essentiel jedoch vor der Stigmatisierung seiner Patienten: «Eine psychische Krankheit zu haben, stellt kein höheres Risiko dar, gewalttätig zu werden», sagt er. «Die meisten Patienten sind ängstlich und leiden sehr unter ihren Krankheiten. Die Allerwenigsten stellen eine Gefahr für andere dar.»
(Tobias Senzig/L'essentiel)








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