Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.
Die Offensive ist gewaltig. Beim bisher größten Angriff gegen den "Islamischen Staat" (IS) hat Bagdad nach eigenen Angaben 30.000 Kämpfer mobilisiert, von drei Richtungen rücken sie auf Tikrit vor. Und sie wollen erste Erfolge verbucht haben: Nördlich und südlich der Stadt hätten die Truppen die Dschihadisten bereits zurückdrängt, meldet die Regierung in Bagdad. Tikrit ist ein wichtiger Test für die internationale Koalition gegen den IS. Denn echte Gebietsgewinne hat sie bisher fast nur in Regionen gefeiert, in denen dem IS ohnehin der Rückhalt fehlte. In Tikrit ist das anders. Erstmals greifen die Koalitionskämpfer eine Hochburg der Islamisten an: In der mehrheitlich sunnitischen Heimatstadt des früheren Diktators Saddam Hussein haben die Dschihadisten zahlreiche Sympathisanten.
Nur wenn es der Koalition gelingt, Tikrit zu stürmen, hat der Krieg gegen den IS im Irak Aussicht auf Erfolg. Die 100.000-Einwohner-Stadt liegt zwischen Bagdad und Mossul, das als nächstes zurückerobert werden soll. Misslingt dieser erste Versuch, sieht es für die Folgemissionen schlecht aus. Und davon muss es noch einige geben. Derzeit hat die Regierung in Bagdad ein Drittel des Staatsgebietes nicht unter ihrer Kontrolle.
Differenzen zwischen den Partnern
Das größte Problem in Tikrit könnte dabei nicht der IS sein, sondern die Koalition selbst. Es ist ein buntes Bündnis, das die Dschihadisten aus der Großstadt vertreiben will. Am Boden kämpfen Soldaten der irakischen Armee, die von den USA trainiert und beraten werden. Dazu kommen schiitische Milizen, die Iran unterstützt, und außerdem sunnitische Stammeskämpfer aus der Region.
Sie verfolgen zum Teil höchst unterschiedliche Intressen. Die Schlacht um Tikrit könnte sie zusammenschweißen oder aber ihre Differenzen noch verstärken.
Die Hauptprobleme im Überblick:
- Iran nimmt eine Schlüs selrolle ein: Das Land ist kein offizielles Mitglied der internationalen Koalition gegen den IS, aber ein enger Verbündeter der Regierung in Bagdad. Der Chef der Kuds-Einheiten der iranischen Revolutionsgarden, Qassem Soleimani, soll den Einsatz der irakisch-schiitischen Einheiten vor Tikrit koordinieren. Diese Einmischung könnte den IS-Terroristen sogar nützen. Denn der "Islamische Staat" stellt den irakischen Konflikt ohnehin als Religionskrieg dar. Um Unterstützer werben die Terroristen, indem sie sich als Beschützer der Sunniten gegen vermeintlich von Teheran gesteuerte Schiiten inszenieren.
- Schiitische Milizen kämpfen an vorderster Front: Unter ihnen sind Gruppen, die ähnlich brutal vorgehen wie der IS. Menschenrechtler haben immer wieder Racheakte dieser Milizen an sunnitischen Zivilisten dokumentiert. In Tikrit sind die radikalen Schiiten besonders gefürchtet. Als Heimatort von Saddam Hussein, dem einstigen sunnitischen Machthaber, hat Tikrit hohen Symbolwert. Schiitische Milizen haben in der Vergangenheit mehrfach versucht, die Stadt zu erobern. Im vergangenen Jahr schändeten sie dabei das Grab des 2006 hingerichteten Diktators. Bagdad hat die schiitischen Gruppen bisher immer ungestraft gewähren lassen. Kommt es in Tikrit erneut zu Racheakten, verlöre die Regierung in der Hauptstadt wohl die letzten sunnitischen Verbündeten.
- Bagdad lässt Washington außen vor: Obwohl die Offensive auf Tikrit bereits begonnen hat, fliegt bisher nur die irakische Luftwaffe Angriffe auf IS-Stellungen, die internationale Koalition nicht. Schuld daran ist offenbar die irakische Regierung: Das US-Verteidigungsministerium sagt, dass Bagdad keine Unterstützung angefordert habe. Der Grund für diesen angeblichen Verzicht ist nicht ganz eindeutig. Möglicherweise will Bagdad Teheran nicht irritieren. Iran und die USA ringen beide um Einfluss im Irak, wobei Iran derzeit erfolgreicher ist. Eine Zusammenarbeit gegen den IS im Irak haben beide Länder offiziell abgelehnt.
In Tikrit erwartet die Soldaten und Milizen ein brutaler Häuserkampf. Der IS hatte Zeit, sich vorzubereiten. Die Dschihadisten haben Sprengsätze gelegt, Minen vergraben und Heckenschützen in Position gebracht. Der IS hat in solch städtischen Guerrilla-Kriegen beträchtliche Erfahrung. Schon die Vorläuferorganisation, die irakische al-Qaida, machte so den US-Soldaten im Irak das Leben schwer.
Die Schlacht könnte dauern, das zeigt schon der erste Tag: Die irakischen Soldaten und die schiitischen Enheiten nähern sich nur langsam der Stadt. Am Straßenrand lauern Sprengfallen, die Dschihadisten schicken ihren Gegnern Selbstmordattentäter in Autos entgegen. Doch selbst der schwierige Kampf um Tikrit ist erst der Anfang. Die Stadt nach einer Erstürmung dauerhaft zu halten, dürfte eine noch größere Herausforderung werden.
Zusammengefasst:
Die Schlacht um Tikrit hat begonnen, eine symbolisch und strategisch wichtige Großstadt im Irak. Der Kampf droht, die Probleme zwischen Schiiten und Sunniten weiter zu vertiefen. Nur wenn es gelingt, Tikrit zu erobern, kann der IS auch im Rest des Landes geschlagen werden.
News verfolgen
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Politik
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Ausland
- RSS
- alles zum Thema Irak
- RSS








0 commentaires:
Enregistrer un commentaire