mardi 14 avril 2015

Völkermord an den Armeniern: Erdogan nennt Papst-Worte "Unsinn"


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nicht irgendjemanden ermahnt, sondern Papst Franziskus. Der hatte die Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren als "Völkermord" bezeichnet. Erdogan warnte das Kirchenoberhaupt nun vor einer Wiederholung der Aussage. "Der geehrte Papst wird diese Art von Fehler höchstwahrscheinlich nicht wieder begehen", sagte der Staatschef nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu am Dienstag in Ankara. "Ich möchte ihn dafür rügen und warnen."


Erdogan fügte hinzu: "Wenn Politiker und Geistliche die Arbeit von Historikern übernehmen, dann kommt dabei nicht die Wahrheit, sondern so wie heute Unsinn heraus." Die Türkei lehnt es als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs strikt ab, von Genozid zu sprechen. Den Gräueltaten waren nach armenischen Angaben 1,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Die Türkei geht von deutlich weniger Toten aus. Armenier gedenken am 24. April der Massaker an ihrem Volk vor 100 Jahren.

Franziskus hatte am Montag im Petersdom gesagt, im vergangenen Jahrhundert habe es "drei gewaltige und beispiellose Tragödien" gegeben. Die erste dieser Tragödien, die "weithin als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts gilt", habe das armenische Volk getroffen.


Das Oberhaupt der katholischen Kirche zitierte damit eine Erklärung von Papst Johannes Paul II. und dem armenischen Patriarchen aus dem Jahr 2000. Zuletzt hatte Staatschef Erdogan eine Kampagne gegen sein Land beklagt: Mit "Völkermord"-Behauptungen werde versucht, Feindseligkeiten gegen die Türkei zu schüren


Am Mittwoch stimmt das EU-Parlament über eine Resolution ab, die dazu aufruft, sich "dem Gedenken an den 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern" anzuschließen.


Auch zwischen Deutschland und der Türkei droht Streit. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz teilten mit, die christlichen Kirchen in Deutschland wollten mit Bundespräsident Joachim Gauck an die Gräueltaten an Armeniern vor 100 Jahren erinnern. Offiziell laden die Kirchen zu einem Gottesdienst zur Erinnerung an den "Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen" im Osmanischen Reich ein.



Völkermord an den Armeniern


Worum geht es?



Millionen Armenier sind während des Ersten Weltkriegs aus dem Osmanischen Reich geflohen oder vertrieben worden. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in dem Vorläuferstaat der heutigen Türkei etwa 2,5 Millionen Armenier. Die osmanische Regierung sah in der christlichen Minderheit innere Feinde und zweifelte im Weltkrieg an deren Loyalität im Kampf gegen das christliche Russland.


Daher begann 1915 die systematische Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Nach unterschiedlichen Schätzungen kamen bei den Deportationen 1915/1916 zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Viele Armenier wurden gezwungen, zum Islam überzutreten.



Wie werden die Taten international bewertet?



Die Regierung im Südkaukasusstaat Armenien sieht in den Massakern einen "Genozid". Am 24. April gedenkt die Ex-Sowjetrepublik der Gräueltaten, die vor 100 Jahren begannen.


1987 stufte auch das Europaparlament die Tragödie als "Völkermord" ein und forderte die Regierung in Ankara auf, dies ebenfalls anzuerkennen. Zahlreiche Regierungen folgten. Am 12. April 2015 bezeichnete Papst Franziskus die Morde ebenfalls als Genozid.



Wie verhält sich die Türkei?


Die Türkei, wo nur noch eine armenische Minderheit lebt, bestreitet einen Völkermord vehement. Die fast hundert Jahre zurückliegenden "tragischen Ereignisse" seien etwas für Historiker, heißt es in der Türkei. Die Armenier hätten sich ihrerseits in einem Bürgerkrieg erhoben - und das Osmanische Reich nur reagiert. Die hohen Todeszahlen seien durch die Wirren des Krieges, Hunger und Witterung zu erklären, so eine verbreitete Darstellung.





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