lundi 13 avril 2015

Grubenunglück in der Türkei: Die Wut der Kumpel


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.




Vier Tage dauerten die Bergungsarbeiten, immer wieder schafften die Rettungskräfte Menschen aus der Mine von Soma. Viele von ihnen waren verletzt, mindestens 160, vor allem durch das Einatmen giftiger Gase. Noch öfter jedoch konnten die Teams nur noch die Leichen der Schachtarbeiter bergen. 301 Menschen starben am 13. Mai 2014 bei der Katastrophe in dem türkischen Ort. Nun, ein knappes Jahr später, beginnt der Prozess. Insgesamt 45 Personen sind in der Stadt Akhisar angeklagt, die ganze Türkei schaut auf die Stadt in der westlichen Provinz. Die Ermittler gehen davon aus, dass eine Explosion unter Tage die Katastrophe ausgelöst hatte.

Zu den Angeklagten zählt auch der Vorstandschef der Betreibergesellschaft der Zeche, Alp Gürkan. Ihm sowie sieben weiteren Angestellten wird unter anderem Totschlag vorgeworfen, es drohen lebenslange Haftstrafen. Sie sollen Sicherheitsrisiken ignoriert und den Tod der Arbeiter in Kauf genommen haben, um den Profit zu erhöhen. Gürkan hatte sich 2012 in einem Interview gebrüstet, die Produktionskosten für eine Tonne Kohle von 130 Dollar auf 24 Dollar gedrückt zu haben.


Die Mine gehörte bis zum Jahr 2006 dem Staat und war danach von privaten Unternehmen betrieben worden. Die Soma Holding übernahm sie 2011, nachdem eine andere Firma größere Sicherheitsprobleme nicht in den Griff bekommen und deshalb ihre Lizenz verloren hatte. Mehrere Prüfer wiesen in den Jahren vor dem Unglück auf gravierende Sicherheitsmängel hin - geändert hatte sich nichts. Nach Firmenangaben habe es bei der letzten Prüfung vor dem Ereignis keine Beanstandungen gegeben.


"Das, was geschehen ist, ist ein Verbrechen"


Präsident Recep Tayyip Erdogan, zum Zeitpunkt der Katastrophe Premierminister, hatte die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer mit einer Rede vor Ort erzürnt. Darin bezeichnete er die Ereignisse als Schicksalsschlag, wie er in dieser Art Bergwerke üblich sei. "Solche Unfälle passieren ständig", so Erdogan damals mit Verweis auf zum Teil Jahrzehnte zurückliegende Unglücke in Japan und Großbritannien. Unter den Zuhörern kam es zu Protesten, später demonstrierten im ganzen Land Menschen gegen Erdogan.


Mehrere Familien von Opfern sowie Überlebende der Katastrophe sagten SPIEGEL ONLINE jetzt, sie fühlten sich von der Regierung im Stich gelassen. "Was geschehen ist, ist ein Verbrechen. Die Regierung schiebt jegliche Verantwortung von sich", sagte ein Arbeiter. Aus Sorge, keinen neuen Arbeitsplatz zu finden, will er seinen Namen nicht genannt wissen.


Staatsanwälte werfen der Regierung und den staatlichen Inspektoren eine Mitschuld an dem Unfall vor. So hätten sie es versäumt, den angemahnten Einbau eines neuen Ventilationssystems durchzusetzen und für die Einhaltung von Sicherheits- und Gesundheitsstandards zu sorgen. Das Arbeits- und das Energieministerium blockieren jedoch Ermittlungen gegen Beamte und staatliche Verantwortliche.


Regierungspolitiker verweisen auf neues Gesetz


"Die Regeln wurden nur auf dem Papier eingehalten, sonst nicht", sagte ein Überlebender, der ebenfalls anonym bleiben wollte. "Alles, was zählte, war die Menge an Kohle, die wir produzierten. Ich hatte eine alte Schutzmaske, die nicht funktionierte. Mit ihr konnte ich überhaupt nicht atmen. Ich habe mich bei meinem Vorgesetzten beschwert. Aber der sagte mir nur, ich soll mir eine neue kaufen, wenn ich mit dieser nicht zufrieden bin." Er habe nur 1200 türkische Lira, umgerechnet etwa 430 Euro, im Monat verdient. "Wie solle ich mir da einfach so selbst eine neue Maske kaufen?"


Eine Frau, deren Sohn bei dem Unfall ums Leben kam, sagte: "Ich werde den Prozess genau verfolgen. Aber ich befürchte, dass die wahren Schuldigen, nämlich die in der Regierung, ungeschoren davonkommen."

Abgeordnete der Regierungspartei AKP verweisen in Hintergrundgesprächen darauf, sie hätten aus dem Unglück Konsequenzen gezogen und ein neues Gesetz beschlossen, das die Arbeitsbedingungen in Bergwerken verbessert. Statt acht Stunden darf eine Schicht jetzt höchstens sechs Stunden dauern. Auch die Bezahlung sei angehoben, das Rentenalter für Bergarbeiter von 55 auf 50 Jahre gesenkt worden. Sie sehen den Prozess auch als Teil des Wahlkampfs - die Türkei kürt am 7. Juni ein neues Parlament und eine neue Regierung.


Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert, es mangele nicht an Gesetzen und Regelungen, sondern an deren Durchsetzung. So sieht das auch die Mutter, die um ihren Sohn trauert: "Hätte man alle Gesetze eingehalten, wäre mein Sohn heute noch am Leben."




Zusammengefasst: Vor einem Jahr starben in der Türkei bei einem Grubenunglück 301 Menschen. Im Prozess müssen sich nun Mitarbeiter der Betreiberfirma verantworten - ihnen droht lebenslange Haft. Anschuldigungen gibt es auch gegen die Regierung. Sie soll die Umsetzung von Sicherheitsregeln nicht überwacht haben. Die regierende AKP tut die Vorwürfe als Wahlkampfgetöse ab.

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